Galyna Schimansky-Geier

„Eine aufrichtige Unterhaltung mit einem Menschen aus einem ande- ren Land ist wie das Lesen eines interessanten Buches, das nie endet und mit jeder neuen Seite verwundert. Für mich ist dieses Buch in der deutschen Sprache, dem Abenteuer meines Lebens, geschrieben“

Ich glaube, dass die ukrainisch-deutschen diplomatischen Beziehungen, die offiziell vor fünfundzwanzig Jahren hergestellt wurden, nur ein Teil der Beziehungen zwischen den Ländern sind. Nicht minder wertvoll sind die menschlichen, persönlichen Beziehungen zwischen Ukrainern und Deutschen, deren Beginn in der Geschichte heute schwer feststellbar ist.

Mein persönliches Abenteuer, das mit  den ukrainisch-deutschen diplomatischen Beziehungen verbunden ist, begann, als ich noch Schülerin der Mittelstufe war, und dauert bis jetzt an. Seit dem Teenageralter verspürte ich ohne besondere rationale Gründe einen äußerst starken Wunsch, Deutsch zu lernen. Ich wünschte mir sehr, nicht einfach nur den Klang der deutschen Sprache zu hören, sondern den Sinn von Wörtern und Sätzen zu verstehen. Mein größter Wunsch war jedoch, so Deutsch zu sprechen, dass mich mindestens ein Deutscher versteht. Ich bin jedoch in einem kleinen entfernten Dorf im Gebiet Donezk geboren, wo sogar Englisch als Pflichtfach ein unerschwinglicher Luxus war. Vom Erlernen einer anderen Fremdsprache konnte man nur träumen.

Dieser Traum wurde erst dann wahr, als ich mein Studium an der Kiewer Mohyla-Akademie aufnahm und nach Kiew umzog. Mit achtzehn begann ich endlich, Deutsch bei einem Lehrgang am Goethe-Institut zu lernen. Es ist mir bis jetzt erinnerlich, dass ich gleich nach dem ersten Unterricht meine Eltern angerufen hatte und schon sagen konnte "Hallo! Ich heiße Galyna" und "Wie geht es?" Und ich war darauf sehr stolz.

Dadurch, dass ich nicht schlecht Deutsch sprach, konnte ich einige Jahre später zu einem Ausbildungsseminar nach Berlin kommen. Berlin ist jetzt für mich nach Kiew die zweitliebste Stadt geworden, in die ich immer wieder zurückkehre. Damals war ich jedoch davon überzeugt, dass ich die Stadt zum ersten und wahrscheinlich zum letzten Mal sehe. Diese meine erste einwöchige Reise nach Deutschland brachte völlig unerwartet neben beruflichen  auch persönliche Veränderungen mit sich.

Nun spreche ich jeden Tag Deutsch und man versteht mich sogar. Eine aufrichtige Unterhaltung mit einem Menschen aus einem anderen Land, einer anderen Kultur, anderer Traditionen und Lebensansichten erweitert den Horizont und die Toleranz dem Anderen gegenüber außerordentlich – das ist wie das Lesen eines interessanten Buches, das nie endet und mit jeder neuen Seite verwundert. Für mich ist dieses Buch in der deutschen Sprache, dem Abenteuer meines Lebens, geschrieben.

Galyna Schimansky-Geier

Schimansky-Geier