Kateryna Melnyk

«Paul, mein lieber Paul…» Meine Beziehung zu Deutschland, wie auch eine der größten Liebesgeschichten meines Lebens, begann mit diesen Worten»

Paul Celan, Deutschland und ich

«Paul, mein lieber Paul…» Meine Beziehung zu Deutschland, wie auch eine der größten Liebesgeschichten meines Lebens, begann mit diesen Worten. Es geht um das Theater und Paul Celan, einen deutschsprachigen jüdischen Dichter, der in Tscherniwzi gelebt hat. Vor mehr als 5 Jahren haben sie beide mich mit Deutschland bekannt gemacht.

Als Studentin bummelte ich viel durch die Korridore der ehemaligen Residenz des Metropoliten und heutigen Fakultät für Philologie der Juri-Fedkowytsch-Universität. Insbesondere vor Weihnachten scheint diesen Spaziergängen etwas Magisches eigen zu sein. Damals besuchte ich einen Lehrgang für deutsche Literatur. Ich schaute mir Gewölbedecken dunkler Räume an und wiederholte in Gedanken den Unterschied zwischen dem Stanislawski-Theater und der Brechtschule in der Hoffnung, für mich bestimmen zu können, was mir näher ist; ich dachte aber auch an den mit Gewürzen, Honig und Zitrusfrüchten gesättigten Geruch von Weihnachten in Deutschland. Eines Tages war ich dann sicher, dass ich bald nach Deutschland komme...

Nach einem Klingeln waren meine Gedanken sehr schnell durcheinandergeraten und begannen in Erfüllung zu gehen. Mitten in eine Unterrichtsstunde der deutschen Literatur platzte ein Angebot zur Teilnahme an einem Theaterprojekt unweit der deutschen Stadt Halle wie ein Salut.  Und bereits einen Monat danach sprach ich diese Worte: «Paul, mein lieber Paul…» als Ingeborg Bachmann in einer Aufführung aus, der der Briefverkehr zwischen Paul Celan und der Schriftstellerin zugrunde lag. Im Museum Synagoge Gröbzig, in einer Kleinstadt, habe ich mich zusammen mit Studenten und Berufsschauspielern in das Theater verliebt. Der Unterschied zwischen der Stanislawski- und der Brechtschule machte mir dabei nichts aus, ich war froh, mich voll in das Spiel und in die Gespräche über Charakterzüge unserer Helden, in die Poesie zu vertiefen. Dunkle Erinnerungen an den Krieg, Dokumentarfilme aus der Vergangenheit, die wir uns ansehen mussten, um zu verstehen, was Paul Celan erlebt hat und warum er sich letztlich mit seinen Schmerzen nicht abfinden konnte, berührten uns mit einer tiefen kalten Stimme und machten uns betroffen; doch wir dankten Gott, dass so viele Jahre der Entwicklung der Toleranz in der Gesellschaft uns so verändert haben, dass  uns diese Ereignisse der Vergangenheit unmöglich und inakzeptabel scheinen. So haben wir unsere erste Aufführung gespielt.       

Jedes Jahr Ende Herbst packe ich meine Koffer, um mich mit meinen deutschen Freunden zur Aufführung in der gleichen Stadt Gröbzig zu treffen. Unter uns sind viele Profis, wunderbare Musiker, Tänzer und Schauspieler, für die es immer interessanter wird,  vor Weihnachten gemeinsam an Theaterprojekten über deutschsprachige Juden  mitzuwirken.

Kateryna Melnyk

Kateryna Melnyk