Viroslava Bubon

„Politik und internationale Zusammenarbeit beginnen nicht bei Politikern und Staatsmännern, sondern in den Schulen, Kinderferienlagern und internationalen Projekten, die die Möglichkeit bieten, sich auf Augenhöhe zu fühlen, voneinander zu lernen, einander zu hören und zu verstehen“

Ein Abenteuer für das ganze Leben

Das Leben ist pausenlos. Jeden Tag ändert sich alles im ihm und geht von einem Zustand in einen anderen über. Das Leben ist insgesamt ein großes Abenteuer, das sich viele Jahre lang durchgängig hinzieht. Manchmal ahnt man nicht, dass ein kleines und auf den ersten Blick unscheinbares Ereignis dich in einen bunten Wirbelsturm von Ereignissen hineinziehen kann, die dich für immer ändern werden. 

Das kann ich auch von mir und meinem ganzen Leben behaupten. Ein kleines Ereignis hat vor vielen Jahren mein Schicksal bestimmt.

Es ergab sich so, dass meine Familie 1998 ihren Wohnort gewechselt, eine neue Wohnung erworben hat und in einen anderen Stadtbezirk meiner Heimatstadt Kiew mit dem malerischen Namen Kureniwka umgezogen ist. Damals war ich erst 6 Jahre alt und sollte bald zur Schule gehen. Zum Glück war das Schulgebäude vom Fenster unserer neuen Wohnung aus gut zu sehen.  Nach einigen Monaten bin ich dorthin in die erste Klasse gegangen. Diese Schule hat meiner Mutter gut gefallen; sie war neben dem Haus und direkt vom Fenster aus konnte man verfolgen, wie die Kinder morgens zur Schule gehen und nachmittags nach Hause zurückkehren; auch über die Schule selbst hatte meine Mutter viel Gutes gehört, deshalb bestanden keine Bedenken im Hinblick auf meine zukünftige Unterrichtsstätte. So kam es dann auch. Ich ging in die Klasse  1 B der Mittelschule Nr. 14 (so hieß sie damals) zum Unterricht und begann dort ab der ersten Klasse Deutsch als Fremdsprache zu lernen. Genau das hat später mein weiteres Schicksal bestimmt. 

10 Schuljahre mit erweitertem Deutschunterricht  und einer Sprachprüfung für das «Deutsche Spachdiplom», Sprachniveau В2/С1, lagen vor mir. In der 10. Klasse wandelte sich  der Sprachunterricht für mich in ein Berufsziel und den Wunsch, meine berufliche Laufbahn mit Fremdsprachen zu verbinden und mich um einen Studienplatz in der besten Hochschule mit linguistischem Schwerpunkt zu bewerben. 

All das ist mir gelungen. Ich habe die Prüfungen bestanden und wurde an meiner Traum-Universität angenommen. Nach dem Bachelor-Abschluss 2012 entschloss ich mich, das Studium fortzusetzen und den Mastergrad im Ausland zu erwerben. Im gleichen Jahr wurde ich an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald in Deutschland aufgenommen und habe dort ein Semester im Fachbereich "Sprache und Kommunikation" studiert. 

Nachdem ich nach Hause zurückgekehrt bin, habe ich mein Studium in der Ukraine fortgesetzt, um den Mastergrad in Philologie zu erwerben, was mir 2015 gelungen ist.  Gleichzeitig mit dem Studium begann ich meine Tätigkeit als Deutschlehrerin in der gleichen Schule, in die mich meine Mutter vor 18 Jahren in die erste Klasse brachte. Jetzt trägt sie als Spezialschule Nr. 14 den stolzen Namen des ukrainischen Professors Serhi Fedorowytsch Hruschewski. Die Namensänderung hat sich auf das Wesen dieser Einrichtung nicht ausgewirkt, aber meine Rolle dort hat sich geändert. Vor einigen Jahren bin ich wieder hierhergekommen, allerdings nicht als Schülerin oder Absolventin, sondern als Deutschlehrerin, die die Kinder genauso auf die Prüfung für das «Sprachdiplom» vorbereitet, wie ich einst von meinen Lehrern darauf vorbereitet wurde, und zudem ein Projekt der internationalen Partnerschaft mit deutschen Schulen leitet, das dem Ziel dient, Menschen im Geiste gegenseitiger Achtung und Toleranz zu erziehen. 

Dank der Deutschkenntnisse, des Studiums in Deutschland und der Teilnahme an internationalen Projekten und Schüleraustauschen habe ich als Lehrerin eine Vielzahl fantastischer Menschen kennengelernt, wobei weder die Entfernung noch verschiedene Aufenthaltsländer oder Mentalitäts- und Sprachunterschiede ein Hindernis für die Verständigung mit ihnen sind.

Gerade dank der Kommunikation mit diesen wunderbaren Menschen, denen ich in verschiedenen Ländern begegnet bin, sowie dank meiner Bildung und meinem Wissen, die ich im Laufe meines Lebens erworben habe, bin ich zu der Einsicht gekommen, dass es in der Tat viel weniger Hindernisse für Kontakte zwischen Menschen gibt, als man manchmal meint, und mancherorts gewisse Grenzen und Hürden nur in unseren Vorstellungen existieren.   

Was mich angeht, so konnte ich vielen ausländischen Bekannten vermitteln, aus welchem Land ich stamme: wo es auf der Karte zu finden ist, wodurch es sich von vielen anderen osteuropäischen Ländern unterscheidet, und, was am wichtigsten ist –  ich konnte viele Denkmuster und Mythen zerstören, die in europäischen Ländern über die Ukraine und ihre Einwohner verbreitet sind. Natürlich bin ich mir bewusst, dass das nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist, doch zugleich sehe ich deutlich, dass es viele Menschen gibt, die so wie ich denken. Nicht nur von ihrem Land enttäuschte Gastarbeiter und merkantile Frauen kommen auf der Suche nach einem besseren Schicksal nach Europa. Es gibt auch andere - die dorthin reisen, um zurückzukehren, die europäische Länder besuchen, um mit neuem Wissen und neuen Erkenntnissen nach Hause zu kommen und dem eigenen Land zu helfen.

Darin sehe ich auch meinen Auftrag. Kindern Wissen zu vermitteln und die internationale, vor allem die ukrainisch-deutsche Zusammenarbeit zu entwickeln, die Kommunikation zwischen Kindern beider Länder, den Meinungs- und Wissensaustausch zu ermöglichen und imaginäre Grenzen in den Köpfen zu zerstören. Politik und internationale Zusammenarbeit beginnen nicht bei Politikern und Staatsmännern, sondern in den Schulen, Kinderferienlagern und internationalen Projekten, die die Möglichkeit bieten, sich auf Augenhöhe zu fühlen, voneinander zu lernen, einander zu hören und zu verstehen. Dort, wo Politiker sich nicht einigen können, reicht bei Kindern ein Lächeln, um das Eis zu schmelzen. Es ist noch sehr viel auf diesem Feld zu leisten. Ich kann nicht sagen, dass ich bereit bin, mich mit dem bisher Erreichten zufriedenzugeben, ich kann nur versichern, dass mein Abenteuer weitergeht, und, was am wichtigsten ist, dass meine Teilnahme daran mich glücklich macht und jeden Tag zu neuen Leistungen motiviert.

Viroslava Bubon

Viroslava Bubon