Rede von Serhiy Zhadan

Serhiy Zhadan beim Empfang anlässlich 25 Jahre seit Eröffnung der Botschaft Bild vergrößern Serhiy Zhadan beim Empfang anlässlich 25 Jahre seit Eröffnung der Botschaft (© Deutsche Botschaft Kiew) "Wo Europa beginnt"

25 Jahre sind ein ernstzunehmender Zeitraum, nicht nur für einen Menschen. Auch für die Geschichte sind 25 Jahre ziemlich viel. 25 Jahre trennen den Beginn des ersten und des zweiten Weltkriegs voneinander. Vielen Staaten genügte diese Zeit völlig, um zu entstehen, zu versuchen, sich auf der Weltkarte zu vermerken und in den endlosen Zeitläuften zu verschwinden. Worum geht es mir? Vor 25 Jahren hat für die Ukraine alles erst begonnen. Das waren ein ganz anderes Land und ganz andere Umstände. Wir alle waren ganz andere. Und ich denke, dass ich nicht irre, wenn ich sage, dass auch Deutschland ein etwas anderes war. Die Welt war eine andere. Ich bin nicht sicher, dass sie weiser war. Aber in ihr standen noch die Zwillingstürme und es gab einige dutzend Kriege nicht, die später entstanden. Auch unseren Krieg gab es in dieser Welt nicht.

Es wäre gut, heute über diese 25 Jahre als Jahre des Fortschritts und der Entwicklung zu sprechen, die geschehenen Veränderungen zu analysieren und zu bewerten, zu versuchen, mit Bedacht über Perspektiven zu sprechen. Aber es gibt da etwas sehr Wichtiges. Dieses Etwas heißt Krieg. Dieser Krieg begann vor 3 Jahren. Und der Beginn dieses Krieges verändert faktisch unser Verständnis und unser Verhältnis zu allem, was ihm vorausging. Vor 3 Jahren musste unser Land wieder alles von vorn beginnen. Unverhofft stellte sich heraus, dass die Mehrzahl der Institutionen, die üblicherweise als staatlich bezeichnet werden, sich in einem halbzerfallenen Zustand befindet und für eine effiziente Tätigkeit unter den Bedingungen einer Aggression und des möglichen Verlusts der Unabhängigkeit wenig geeignet ist. Es zeigte sich, dass die Begriffe Grenze, Kampfkraft, Verfassungstreue etwas sehr Abstraktes sind, das nicht immer einen Bezug zur Realität hat. Es zeigte sich auch, dass wir ganz anders mit der Welt sprechen müssen. Natürlich unterscheidet sich der Tonfall eines Landes im Krieg von dem eines Landes, wo es keinen Krieg gibt. Natürlich gibt es in der Sprache einer Gesellschaft, die gezwungen ist, sich zu verteidigen und zu den Waffen zu greifen, viel mehr Forderungen, Ansprüche und Misstrauen. Aber in dieser Sprache gibt es auch sehr viel Hoffnung. Und genau über diese Hoffnungen möchte ich heute sprechen.

Denn für uns, für die Ukraine, begann all das gerade mit diesen Hoffnungen. Mit der Hoffnung auf eine normale, zivilisierte Zukunft ohne Diktatur, Korruption und völlige kulturelle und politische Abhängigkeit. Mit der Hoffnung auf uns selbst, auf unsere eigenen Kräfte und Möglichkeiten. Letztlich mit der Hoffnung auf Europa. Europa selbst, gleich ob real oder bedingt, war der formale Anreiz, der im Winter 2013 hunderttausende Menschen auf die Straßen ukrainischer Städte brachte. Eben die Nichtunterzeichnung des Assoziierungsabkommens mit der Europäischen Union wurde zum formalen Anlass für den Beginn der ukrainischen Revolution. Was stand hinter diesem Verlangen nach Europa? Und wieweit ist dieses Verlangen für uns Ukrainer wirklich wichtig und notwendig? Ich habe den Verdacht, dass jeder einzelne Bürger der Ukraine sein ganz eigenes Verständnis von diesem imaginären und abstrakten Europa hat. Der Eine – ganz konkrete und sichtbare soziale Standards, das Lebensniveau, wirtschaftliche Kennziffern. Ein Anderer – das europäische Kulturgebiet, dessen unabdingbarer Bestandteil auch die ukrainische Kultur ist. Ein Weiterer – die so genannten europäischen Werte, was auch immer wir darunter verstehen mögen. Ich möchte jedoch daran erinnern, dass es einen Aspekt gab, der die Mehrheit der Ukrainer in der Interpretation Europas vereinte und bis heute eint. Das ist das Verständnis Europas als eines gewissen (politischen, wirtschaftlichen, kulturellen, historischen) Gegengewichts zu dem postsowjetisch-totalitären Projekt, in das man uns über all die Jahre ziemlich nachdrücklich gedrängt hat. Europa als Gegengewicht zum Stalinschen Reva-nchismus, Europa als Gegengewicht zu russischen imperialen Ambitionen. Europa somit als Möglichkeit, seine Freiheit und Identität zu bewahren, als Chance, sich nicht im Rahmen eines abermaligen imperialen Experiments aufzulösen. Sicher ist das eine ziemlich idealistische und nicht besonders objektive Interpretation. Aber im Großen und Ganzen ist der Idealismus der Romantiker besser als die Resignation der Skeptiker.

Also wie auch immer begann diese ganze Situation vor drei Jahren mit der europäischen Wahl der Ukrainer. Die Ukraine wählte Europa und bezahlte für diese Wahl einen außerordentlich hohen Preis. Im Grunde genommen zahlt sie diesen Preis bis auf den heutigen Tag. Offensichtlich zeugt das von der Bewusstheit dieser Wahl, von deren Nicht-Zufälligkeit. Die Ukraine wählte Europa. Und Europa seinerseits? Hat es diese Wahl bemerkt? Und berücksichtigt es diese? Manchmal hat man den Eindruck, dass nicht. Manchmal könnte es scheinen, dass wir allein mit uns und unseren Problemen sind. Es geht dabei nicht nur um die Position einiger europäischer Staatsführer, die bestrebt sind, auf die eine oder andere Art mit dem Aggressor-staat anzubändeln und versuchen, die Verletzung aller Vorschriften und Gesetze des Völkerrechts auf die eine oder andere Art zu erklären. In hohem Maße geht es auch um die Reaktion der Gesellschaft, darum, ob die „Durchschnittsbürger“ der Europäischen Union verstehen, dass in ziemlicher Nähe ihrer stillen, friedlichen Städte, in genau diesem Moment in Europa, das in den letzten 100 Jahren zwei Weltkriegsgemetzel erlebte, das dritte Jahr eine blutige bewaffnete Konfrontation andauert, die jeden Tag ukrainische Bürger das Leben kostet. Und, so erstaunlich das auch ist, diese doch scheinbar offensichtliche Verletzung aller möglichen völkerrechtlichen Normen hindert viele Europäer dennoch nicht daran, zu versuchen, noch den Aggressor zu verteidigen und die Position der „Putinversteher“, wie sie in Deutschland genannt werden, zu teilen.  Bezeichnend ist in diesem Fall der kürzliche Skandal um den ukrainischen Fußball-Nationalspieler Roman Sosulja, den Fans eines spanischen Klubs des Nazismus beschuldigten wegen des ukrainischen Wappens auf seinem Trikot. Das ist zwar ein lokaler Vorfall, aber dennoch durchaus kennzeichnend für die Gesamtsituation:  Wir müssen der Welt auch weiterhin beweisen, dass wir das Recht haben, wir selbst zu sein, das Recht haben auf Freiheit und Unabhängigkeit. Wir müssen uns auch weiterhin rechtfertigen für unser Bestreben, zu widerstehen und uns zu verteidigen, für unseren Widerstand und unseren Kampf.

Ich bin weit davon entfernt, zu klagen und davon zu sprechen, die Ukraine bliebe unverstanden, man höre die Ukraine nicht oder, um noch weiter zu gehen, die Ukraine würde verraten. Ich bin öfter in Deutschland, mit Reden und Präsentationen, daher kann ich eher über die Aufmerksamkeit und die Unterstützung sprechen, die man von den Staatsbürgern Deutschlands erfährt. Ich bin kein Anhänger von Verschwörungstheorien und sehe tatsächlich, dass es in Deutschland viele Bürger gibt (wie viele, kann ich schwer feststellen), die in der Situation des ukrainisch-russischen Krieges objektiv bleiben und verstehen, wer Okkupant ist und wer kein Opfer der Okkupation werden will. Jedoch ist klar, dass in einer Situation, in der dein Land dem Aggressor Auge in Auge gegenüber steht, jede Form der Solidarität mit diesem Aggressor, jeder Versuch, die Aggression zu rechtfertigen, Empörung und Unverständnis hervorrufen. Dabei begründen nach meiner tiefsten Überzeugung weder politischer Populismus noch geopolitische Demagogie eine Abkehr von unseren Hoffnungen und das Versinken in totale Skepsis. Mir scheint, die europäische Wahl der Ukrainer hängt nicht von den Eurobürokraten ab, sondern doch von den Bürgern unseres Landes selbst, die sich ihre Zukunft wählen. Die Bürokratie ist bekanntlich eine ernste Angelegenheit, dennoch ist sie machtlos vor dem Bestreben einer Gesellschaft, für ihre Rechte und ihre Freiheit zu kämpfen.

Für uns sind Unterstützung und Solidarität auch weiterhin wichtig. Nicht umsonst spreche ich hier von Hoffnung statt von Skepsis. Verständlicherweise hat in den 3 Kriegsjahren in unserem Land die Zahl der Eurooptimisten ab- und die der Euroskeptiker zugenommen. Verständlicherweise haben die Referenden in Großbritannien und den Niederlanden, die veränderten Beziehungen zu Polen und die Ablehnung der Visaliberalisierung die Beziehungen zwischen der Ukraine und Europa weder enger noch offener werden lassen. Verständlicherweise wird jeder solcher Schritt bei uns als Verrat aufgefasst. Verrat nicht nur an der Ukraine, Verrat an der Demokratie insgesamt.                                                                                  

Es ist auch klar, dass viele Gesten und Erklärungen europäischer Staatsführer die Ukrainer zu der Meinung bringen, dass nur wir selbst all unsere Probleme lösen können, dass niemand unseren Krieg für uns beendet und oder unsere Korruption überwindet. Letzten Endes muss das auch so sein. Wir müssen verstehen, dass es unser Land ist und die Verantwortung dafür müssen wir übernehmen. Europa kann kein Allheilmittel sein. Aber Europa muss, davon bin ich zutiefst überzeugt, auch weiterhin Verbündeter bleiben. Ein anderer Weg ist für uns alle selbstmörderisch.

Die Ukraine versucht mit der Welt zu sprechen. Die Ukraine versucht sich zu erklären. Die Ukraine versucht verständlich zu sprechen. Das gelingt nicht immer. In erster Linie ist das unbestritten  unser Problem. Wir sind nicht immer folgerichtig, wir sind nicht immer begründet. Manchmal fehlt es uns an Selbstbeherrschung, manchmal an Offenheit. Aber unsere Unverständlichkeit hängt oftmals auch an den Gesprächspartnern. Verstehen kann vor allem der, der verstehen will. Und hier sind die Haltung und die Politik der Institutionen wichtig, die aufgerufen sind, offizielle Brücken zwischen unseren Ländern zu sein. Mir scheint, dass heute, trotz 25 Jahren offizieller diplomatischer Beziehungen und der Eröffnung der deutschen Botschaft,  unsere Länder,   unsere Gesellschaften sich immer noch am Beginn eines langen Weges des Einander-Erkennens und des Einander-Verstehens befinden. Unter den Bedingungen des Krieges, eines Wandels der Weltordnung, in einer Situation, in der die Welt an der Schwelle zu außerordentlich ernsten Ereignissen und Erschütterungen steht, sind wir einfach zu Offenheit und gegenseitiger Hilfe verurteilt, wir müssen unsere Werte einfach gemeinsam verteidigen. Wir können sie europäische Werte nennen. Oder allgemeinmenschliche. Das Wichtigste ist, sie nicht zu vergessen. Denn wenn sie vergessen werden, ist ein zu hoher Preis dafür zu zahlen. Ich beglückwünsche alle zu diesem Jubiläum und glaube daran, dass wir das nächste Jubiläum in einer friedlichen Ukraine begehen werden, die ein vollwertiges Mitglied der Europäischen Union sein wird. Ich hoffe, dass wir alle die wunderbare Möglichkeit haben werden, den 30. Jahrestag der Eröffnung der deutschen Botschaft in der Ukraine zu begehen – hier, wo heute Europa beginnt.