Ansprache zum Volkstrauertag 2016

auf dem Soldatenfriedhof von Wita Poschtowa am 13.11.2016 Botschafter Dr. Reichel hält Rede auf dem Soldatenfriedhof bei Kiew Bild vergrößern Botschafter Dr. Reichel hält Rede auf dem Soldatenfriedhof bei Kiew (© Deutsche Botschaft Kiew) Sehr geehrte Frau Botschafterin des Vereinigten Königreichs und Nordirlands, liebe Judith,

sehr geehrter Herr Brast, (Leiter des VdK Büros in Belarus – Nebenakkreditierung in der Ukraine)

sehr geehrter Herr Scheremeta, (Sekretär der zwischenstaatlichen Kommission zur Verewigung des Andenkens an die Opfer von Anti-Terroroperationen, Krieg und politischen Repressionen beim Ministerrat der Ukraine)

sehr geehrter Herr Schilkin, (Sekretär des ehemaligen ukr. Präsidenten Juschtschenko)

sehr geehrter Herr Pfarrer Lerchner, Frau Lerchner,

sehr geehrter Vater Ihor,

meine sehr geehrten Damen und Herren,

für Ihr Kommen möchte ich Ihnen sehr herzlich danken.

Jedes Jahr zum Volkstrauertag denken wir an die unzähligen Toten von Krieg und Gewaltherrschaft. Gerade wir Deutschen denken dabei vor allem an den Zweiten Weltkrieg. Wo wir heute stehen, liegen allein 20.000 deutsche Soldaten. In einem symbolischen Akt werden noch heute die sterblichen Überreste von fünf Soldaten beigesetzt. Der Zweite Weltkrieg fand in wesentlichen Teilen auf ukrainischem Gebiet statt.

Die Millionen und Abermillionen Toten der Weltkriege, die Millionen Ermordeten des Holocaust, das sind Größenordnungen, die ein Mensch nicht konkret begreifen kann. Man kann sie nur durch kühle Zahlen beschreiben. Und doch sprechen wir hier von einer Unzahl einzelner Menschen, jeder mit einer eigenen Lebensgeschichte, individuellen Eigenschaften, zerstörten Plänen und Wünschen. Wir sprechen von ihren Angehörigen. Wir sprechen auch von vielen Menschen, die nicht mit dem Leben bezahlten, aber großes Unrecht und großes Leid erdulden mussten, das sie oft ihr ganzes Leben gezeichnet hat.

Vor wenigen Wochen jährte sich das Massaker von Babyn Jar zum 75. Mal. Der Holocaust ist noch einmal eine zusätzliche Dimension von Leid und von Schuld, und zwar einer spezifisch deutschen Schuld. Die Erinnerung an die massenhafte, grauenvolle, unfassbare Ermordung von Menschen allein wegen ihrer religiös-ethnischen Identität ist etwas, das uns Deutschen immer gewärtig sein wird.

Bei so viel Leid und Schuld gibt es einen kleinen Trost. Er liegt in der Großzügigkeit, vielleicht sogar Vergebung, die man immer wieder erleben kann. Wenn die Nachkommen der Opfer den Nachkommen der Täter mit Freundlichkeit und Vertrauen begegnen. Dass wir heute hier zusammen stehen. Wenn wir Nachkommen zusammen dafür arbeiten, Leid und Unrecht in unserer heutigen Welt entgegenzutreten.

Denn Krieg in Europa, Krieg in der Umgebung Europas ist leider immer noch an der Tagesordnung. Um Beispiele zu finden, muss man nicht an Syrien oder den Irak denken. Auch hier in der Ukraine sterben Menschen in einem zynischen und grausamen Konflikt. Und es ist eine tägliche Aufgabe für uns alle, die dies miterleben, dass keine Spuren von Zynismus und Grausamkeit auf uns abfärben.

Ich möchte Sie bitten, jetzt in einer Schweigeminute aller Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft zu gedenken.

Darf ich nun Sie, Herr Pfarrer Lerchner, bitten, eine kurze Andacht zu halten.