Ansprache von Botschafter Dr. Ernst Reichel anlässlich des Empfangs zum Tag der Deutschen Einheit 2017 am 5. Oktober 2017 in Charkiw

Liebe Landsleute und Freunde Deutschlands,

Meine Frau und ich bedanken uns sehr, dass Sie heute gekommen sind, um mit uns den Tag der Deutschen Einheit zu feiern.

Der Fall der Mauer in Berlin war ein Meilenstein im Untergang des kommunistischen Sowjetimperiums. Von Freiheitswillen der Menschen in Leipzig und Ostberlin führt eine historische Linie zum Zerfall der Sowjetunion, und zur Unabhängigkeit der Ukraine. Was für eine historische Errungenschaft! Zur Erinnerung an jene historischen Momente steht vor dieser Botschaft ein Stück der Berliner Mauer, die Menschen trennte und an der Menschen grausam getötet wurden.

In diesem Jahr feiern wir 25 Jahre diplomatische Beziehungen zwischen Deutschland und der Ukraine. Dies ist ein würdiger Anlass, uns vor Augen zu führen, wie schwierig, manchmal gar unmöglich es war, von der Ukraine nach Deutschland zu reisen, oder wie schwierig auch von Deutschland in die Ukraine. Sie wissen es besser als ich: Es war ein Glücksfall und ein Privileg, wenn man als Ukrainer eine „komandirowka“ nach Deutschland machen konnte.

Und heute? Heute genießen Ukrainer für Besuchsreisen in den Schengen-Raum Visafreiheit. Rund 250.000 Menschen haben seit Juni von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht. Ich kann mir keinen bedeutenderen und wirksameren Schritt vorstellen, um die Menschen zueinander zu bringen und sich besser kennen zu lernen.

Einen weiteren Sprung in Richtung Europa hat die Ukraine durch das Assoziierungsabkommen mit der EU gemacht. Der große Handelszuwachs mit der EU zeigt, dass das darin enthaltene Freihandelsabkommen wirkt.

Aber das Assoziierungsabkommen ist mehr, wenn es von der Ukraine umgesetzt wird: Es sorgt auch für Unterstützung und Beratung, für politische Abstimmung und für die Annäherung der Ukraine an EU-Standards in einer Vielzahl von Bereichen.

Meine Damen und Herren,

es ist gut, sich an solche historischen Ereignisse zu erinnern, ob vor über 25 Jahren oder in diesem Jahr. Denn sie zeigen, Fortschritt ist möglich, und manchmal in rasantem Tempo, manchmal durch das beharrliche Verfolgen eines strategischen Ziels.

Das ist mein Wunsch für unsere ukrainischen Freunde: Dass sie nicht aus Ungeduld jenen folgen, die ihnen alles sofort und ohne Anstrengung versprechen, und auf alles mit der Einteilung in Helden und Verräter reagieren. Aber zugleich, dass sie sich ihre Zielstrebigkeit erhalten, für die sie in den letzten drei Jahren mit einigen Erfolgen belohnt worden sind. Ich denke dabei ebenso an die Bekämpfung der Korruption wie an die Befreiung des Staats vom übermäßigen Einfluss mächtiger Geschäftsinteressen.

Nicht weit von hier ist nach wie vor Krieg. Die Auswirkungen in Form von vielen Tausenden von Binnenvertriebenen haben gerade Städte wie Charkiw unmittelbar gespürt. Alle internationalen Anstrengungen, nicht zuletzt von Bundeskanzlerin Merkel und der Außenminister Steinmeier und Gabriel, haben es nicht vermocht, das Blutvergießen zu beenden und die territoriale Integrität der Ukraine wieder herzustellen. Dennoch: Wir geben nicht auf. Und der Mut und die Beharrlichkeit, mit der die Menschen diese Herausforderung meistern und dabei auch als Zivilgesellschaft an Selbstbewusstsein gewonnen haben, lässt mich optimistisch in die Zukunft schauen.

Mit diesem Selbstbewusstsein wird es auch gelingen,  die Umgestaltung der Ukraine in ein Land nach europäischem Vorbild zu vollenden. Noch ist es aber nicht soweit. Es wäre ein tragischer Fehler, wenn sich dieses Land auf den bisherigen Teilerfolgen ausruhen würde. Mir kommt die Ukraine vor wie eine Dampflok, die schnaufend einen Hügel hinauffährt, während langsam die Kohle zu Ende geht, und einige an Bord versuchen, die Bremse zu ziehen.

Die große Frage ist: Schafft es die Lokomotive über die Kuppe, so dass sie dann fast von selbst und schneller weiterfahren kann? Oder bleibt sie vorher stehen, und beginnt dann, zurückzurollen? Es versteht sich von selbst, dass es in einer solchen Situation sehr auf den Lokführer ankommt, und auf diejenigen, die die Kohle in den Ofen schaufeln.

Meine Damen und Herren,

Deutschland jedenfalls ist an der Seite jener, die die Kohle schaufeln. Und wir geben uns Mühe, Hindernisse auf den Gleisen beiseite zu räumen und Anschubhilfe zu geben. Dies gilt insbesondere in diesem Teil des Landes, wo unser Schwerpunkt bei der Humanitären Hilfe, der Zusammenarbeit der Zivilgesellschaften, der Hilfe bei der Dezentralisierung und der Modernisierung der Industrie und des Energiesektors liegt.

Mir bleibt heute noch, mich zu bedanken. Bei meinen Kollegen am Generalkonsulat Donezk in Dnipro und bei unserer Honorarkonsulin Frau Tetjana Hawrysch. Aber ebenso bei all jenen in diesem wunderbaren Land, mit denen es eine Freude und Inspiration ist, zusammenzuarbeiten.

Und schließlich danke ich unseren  Sponsoren, den Firmen HeidelbergCement und Familienbuchklub.

Ich darf Sie alle bitten, mit mir auf die Zukunft der Ukraine zu trinken, und auf die gemeinsame Zukunft von Deutschen und Ukrainern in Europa!